Beiträge zur Orts- und Frühgeschichte Biessenhofens

Geomorphologische Voraussetzung

Das deutsche Voralpenland, die schwäbisch-bayerische Hochebene der Atlanten ist ein vielfach gegliedertes, in seinem Aufbau der Besiedlung und dem Verkehr schwer zugängliches Gebiet, dem dennoch im Rahmen seiner Gesamtlage wesentliche Vermittlungsfunktion zwischen dem Oberdeutschen und dem norditalienischen Raum zugefallen ist. Das heutige Landschaftsbild ist das Ergebnis der Eiszeiten. Ihre Endmoränen durchziehen in mehrfachen Ketten in allgemein west-östlicher Richtung das Gelände. Nacheiszeitliche Flüsse haben diese Wälle in süd-nördlicher  Richtung entsprechend dem Höhenabfall zur Donau hin zerschnitten. Ihre Durchbruchtäler sind tief eingeschnitten, teils seenartig erweitert. Starkes Gefälle und hohe Überschwemmungsfluten in den Zeiten der Schneeschmelze machen diese stark verändernden Flußläufe zu ausgesprochenen Verkehrshindernissen, günstige Flußübergänge haben in dieser Landschaft stets hohe Bedeutung gehabt.

Ein solcher Endmoränenzug wurde nördlich von Biessenhofen von der Wertach durchbrochen. Seinen Südrand läßt zum Teil der west-östliche Verlauf der durch diesen Wall aus ihrer ursprünglichen Richtung abgezogenen Kirnach erkennen, die im Raume Biessenhofen in die Wertach mündet.

Im Süden schiebt sich ein starker Ausläufer der Alpen mit dem 1056 m hohen Auerberg dicht heran. Zwischen den rundgehobelten Moränenhügeln und diesen höheren Gebirgsstöcken hat die starke Wertach viele Mulden eingetieft, die meist durch Hochmoore ausgefüllt wurden. Abgesehen von den durch die Ausschwemmung der Schmelzwasser begünstigten fruchtbaren Talräumen – insbesondere des weiten Beckens um Altdorf – beherrschten weithin Wald und Moos das Bild der Urlandschaft und erschwerten die Besiedlung.  Auch bestimmen noch ausgedehnte Wälder, besonders im Süden von Biessenhofen das Gesicht der Landschaft.

Trotz dieser morphologischen Vielfalt liegt Biessenhofen an einer ausgesucht schönen Stelle. Dem von Norden Kommenden öffnet sich hier zum ersten Male der Blick auf die Alpenkette, die südwärts mit der grandiosen Linie ihrer Gipfel und Schroffen den Horizont begrenzt, und zu deren Füßen sich das Altdorfer Becken und die hinter ihm ansteigenden, bewaldeten Höhen sich ausbreiten. Die Aussicht ist so großartig, dass man die Schönheit der näheren Umgebung nur als den gegebenen Rahmen dazu empfindet. Der schicksalhafte Zusammenhang zwischen dem Hochgebirge und dem Alpenvorland, den die Wertach am sichtbarsten erkennen lässt, wird um der Schönheit des Bildes willen leicht übersehen. Die Geschichte des Allgäus erinnert aber auf Schritt und Tritt daran.

Frühgeschichte der Gegend

Die ältesten bisher nachweisbaren Spuren der Besiedlung weisen auf die Kelten hin. Schon einige Jahrhunderte vor Beginn unserer Zeitrechnung haben sie die fruchtbaren Böden der Landschaft erschlossen und dort den thrakischen Weizen, den heutigen Fesen Oberschwabens angebaut. Hauptsächlich aber haben sie sich aber wohl  durch Viehzucht ernährt. Ihr Käse genoss jedenfalls einen guten Ruf. Für Notzeiten bauten sie sich Fliehburgen. Eine solche Anlage soll durch die Grabungen auf dem Auerberg nachgewiesen werden. Doch diese Anlagen konnten das Eindringen einer starken Militärmacht nicht verhindern.

Nach mancherlei Erfahrung hielt es Kaiser Augustus für geboten, die Nordgrenze des römischen Reiches vom Rhein zu den Alpen vorzuschieben. Er hat selbst seit dem Jahre 17 v. Chr. den Angriffskrieg vorbereitet und darauf nicht weniger als drei Jahre eigener Arbeit an der Rheingrenze verwandt. So konnten seine Stiefsöhne Tiberius und Drusus 15 v.Chr. mit großangelegten Operationen beginnen. Im Zuge dieser Pläne hatte Tiberius das Alpenvorland als Basis für spätere Vorstöße nach Osten und Norden zu sichern. Vom Bodensee drang er ins Allgäu vor und Kaiser Claudius gliederte  die offenbar rasch besetzten Gebiete in die Provinz Rätien ein. Große Strassenbauten dienten der weiteren Erschließung, vor allem doch der Sicherung des Nachschubs. Von Bregenz über Campodunum (Kempten) – Escone – Abodiacum (Epfach/Lech) verlief die West – Ostverbindung nach Salzburg und von dort weiter nach Carnutum (bei Wien): Beim Lechübergang kreuzte sie die Süd – Nordstraße – die 41/47 erbaute via Claudia Augusta – vom Fernpass über Füssen nach Augusta Vindelicorum (Augsburg). Mitten im Land der Vindelizier, wie die Römer den im Allgäu siedelnden Keltenstamm nannten, lag Esco. Hier mußte die dem Tal der Kirnach folgende Römerstraße die Wertach überschreiten. Die römischen Straßenbauer haben also die Gunst dieser Stelle erkannt und wohl die erste Brücke hier erbaut. Sie war unzweifelhaft militärisch gesichert. Ob Esco darum gleich als Kastel angesprochen werden darf, ist eine andere Frage. Sicher ist jedoch, dass neben der Militärstation bald wie überall an solchen Plätzen, eine Siedlung entstand, wenn sie nicht schon vorher  in dem fruchtbaren Becken vorhanden war. Daraus ist das heutige Altdorf erwachsen. Sein Name, Hochäcker und andere Spuren in seiner Gemarkung deuten auf solches Alter und vermutlich keltische Gründung hin. Im Laufe der 400jährigen römischen Herrschaft bildete sich eine durch Militärkolonisation und Zuzug von Händlern stark romanisierte Mischbevölkerung.

Bereits im Jahre 213 bedrohten die Alemannen, eine lockere Verbindung freiwilliger Germanen Mitteldeutschlands, die römische Reichsgrenze am Rhein und Main. 233 durchbrachen sie erstmals den rätischen Limes. 258 stießen sie bis vor die Tore Roms vor. Seitdem konnten die Römer nur noch die Donaulinie behaupten und suchten den Besitz des Alpenvorlandes durch einen neuen Illerlimes  gegen die westlich bis zum Rhein vorgedrungenen Alemannen zu sichern. Erst um das Jahr 420 brach die römische Herrschaft in diesem Gebiet vollends zusammen.

Die Alamannen hatten allen Grund, sich des Allgäus zu bemächtigen. Im Westen war ihnen in den Franken ein mächtiger Gegner erwachsen, der sie schrittweise zurückdrängte. 496 besiegte sie der Merowinger Chlodwig entscheidend und zwang sie zur Aufgabe ihrer nördlichen Gebiete. Darum setzte seitdem eine verstärkte alemannische Besiedlung des ehemaligen Rätiens ein. Dass dabei die Überreste der ursprünglichen Einwohner und deren Wohnstätten übernommen wurden, ist ebenso selbstverständlich wie die Bedeutung des vorgefundenen römischen Straßennetzes für die weitere Erschließung des Landes. Unter dem Schutz der Ostgoten, als nominelle Erben der römischen Ansprüche, zog dann das Christentum in unser Gebiet ein. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass die Pfarrei Altdorf schon in jener Missionszeit entstanden ist. Die Alemannen erschlossen nämlich im Laufe der Zeit in seiner Nähe bisher unbesiedeltes Gelände und gaben den von ihnen neugegründeten Gemeinden ein Miteigentum an einem großen Waldgebiet. Altdorf aber blieb von der Genossenschaft dieses Zwölfpfarrwaldes ausgeschlossen, weil es offenbar schon zuvor bestand und eben keine rein alemannische Einwohnerschaft hatte.

Die Gründung Biessenhofens

Für das frühe Mittelalter fehlen uns weithin schriftliche Quellen. Lokale Vorgänge sind damals auch nur ausnahmsweise aufgezeichnet  und Rechtsgeschäfte vor den Ortsgerichten  mit der Eideshilfe von Zeugen abgeschlossen worden. Das Fehlen der Urkunden ersetzen teilweise die Ortsnamen. Die ältesten alemanischen Gründungen enden zumeist mit der Silbe  -Ingen. Eine zweite Welle ist am Namensbestandteil –hain erkennbar. Besonders stark ist in der näheren Umgebung von Altdorf die dritte Gruppe der sogenannten Urmaierhöfe vertreten. Das sind ursprünglich als Hofstätten eines freien alemannischen Siedlers neuangelegte Siedlungen. Sie wurden darum nach ihrem Gründer benannt und als dessen Hof durch die Endsilbe –hofen ausgewiesen. Zu diesen 15 Hofenorten um Altdorf gehört auch die Ansiedlung eines Busso innerhalb der Gemarkung diese alten Ortes. Im Laufe der Zeit ist aus diesem Hof des Busso –buosohofen –Biessenhofen geworden.

Diese Urmaierhöfe müssen vor dem Jahre 746 bereit angelegt worden sein. Damals hielt der Frankenkönig Pippin d.J. einen Tag zu Cannstatt ab und beseitigte die letzten Reste der alemannischen Selbstverwaltung. Schon seit 536 waren die Alemannen aus der ostgotischen Schutzherrschaft unter die Frankenkönige gekommen. Aber sie bildeten zunächst ein ziemlich selbstständiges Stammesherzogtum im fränkischen Reichsverband. Doch nach dem Tode des ersten Karolingers Karl Martell, hatte der Alemannenherzog Theutbald im Bunde mit dem bajuwarischen Nachbar versucht die Frankenherrschaft abzuschütteln. Die Entscheidung fiel bei Epfach, wo sich Pippin d.J. gegen den Widerstand der Aufständischen den Lechübergang erzwang. Nach diesem Sieg hob er das Stammesherzogtum auf und ließ im Alemannenlande die Verwaltung durch königliche Beamte übernehmen. Das Land wurde in Grafschaften aufgeteilt und der enteignete Besitz des Herzogs und seiner Großen als Krongut eingezogen. So entstanden die Reichshöfe, wofür auch Teile der Urmaierhöfe herangezogen wurden. Sie müssen also älter sein. 

Schon vor der Karolingerzeit war das Land in Gaue eingeteilt worden. Biessenhofen lag an der Nordgrenze des Keltensteingaues, der sich bis ins Quellgebiet des Lechs als schmaler Streifen ins Alpengebiet vorschob und dort an das Bistum Brixen grenzte. Nordwärts schloss sich der Augstgau beiderseits des Lechs an. Grafschafts- und Gaugrenzen haben sich nicht immer gedeckt und die ältere Einteilung verschwand im 10. Jahrhundert mit der Ausbildung der Grundherrschaften und des Lehnswesens, jenem im Mittelalter eigentümliche Rechtsbeziehung, bei denen Hoheitsrechte auf Privateigentum und die zur Nutzung den Beamten zugewiesenen Güter zu erblichem Besitztum übertragen wurden. Im Endergebnis schwand die königliche Gewalt und an ihre Stelle trat eine Fiktion – die Lehenshoheit des Reiches und der Kaiser als sein Repräsentant.

Aus jener Zeit stammt die älteste Urkunde, die von Biessenhofen handelt. Es ist ein Diplom König Heinrich`s I. ( 919 – 936 ), mit dem dieser im Jahre 930 die Schenkung eines Edelmannes Cumprecht an das Kloster Kempten bestätigte. Dieser Adelige war am Orte ansässig und übertrug nun mit diesem Vertrag die königlichen Zehntrechte zugunsten des Klosterspitals auf das Gottehaus in Kempten. Das nachmalige reichsunmittelbare Stift Kempten hat daraus die Grafschaftsrechte in Biessenhofen abgeleitet und bis zum Jahre 1802 die damit verbundene Gerichtsbarkeit behauptet. Die Inhaber der politischen Gewalt haben das 1524 und 1552 in förmlichen Verträgen ausdrücklich anerkannt. In der Urkunde von 930 ist aber ausdrücklich davon die Rede, daß Biessenhofen im Keltensteingau gelegen sei und zum Herrschaftsbereich eines Grafen Rupert gehöre. Der Edeling Gumprecht konnte nur sein Eigen verschenken und tat dies übrigens unter mancherlei Auflagen. Nur diesen Bedingungen haben wir es wohl zu verdanken, dass die königliche Bestätigung für die Schenkung eingeholt wurde und uns damit  ein so frühes Zeugnis aus höchster Hand für den Ort erhalten blieb. Dessen können sich nur wenige Gemeinden rühmen.

Wechselnde Gewalten in Laufe der Jahrhunderte

Edelleute haben in der von Busso einst gegründeten Siedlung noch lange gesessen. Erst 1336 ist von ihr wieder in Urkunden die Rede. Jetzt werden die Rechte in Biessenhofen auf die Reichsstadt Kaufbeuren übertragen. Den Zehnten von einem Hof, auf dem damals Rudolf von Biessenhofen saß, kam in die Hände eines Bürgers jener Stadt. 1405 erwarb diese Rechte das Kaufbeurer Spital von seinen Erben käuflich und überließ sie 1697 in einem Tausch dem Kloster St. Mang in Füssen. Hoheitsrechte waren mit diesen Geschäften jedoch nicht verbunden. Bei der ersten Beurkundung dieser Übertragung trat aber 1336 die tatsächliche Ortsherrschaft in Erscheinung. Sie ist erst nach der Auflösung der alten Gaue um das Jahr 1000 entstanden. Damals bildete sich im ehemaligen Keltensteingau die Reichsvogtei Füssen. Sie war im 12. Jahrhundert in der Hand der Margrafen von Ronsberg aus dem Hause Ursin, dem heutigen Irsee. 1185 erbauten diese mächtigen Herren die Burg Kemnat unweit von Kaufbeuren und setzten hier ihre Dienstmannen als Burgherren ein. Diesen übertrugen sie einen Teil ihrer Herrschaft, darunter das Gericht Altdorf, dem auch Biessenhofen angehörte. Die Herren von Kemnat waren bald ein bedeutendes Rittergeschlecht, das auch in der Reichspolitik eine Rolle spielte. Volkmar II. von Kemnat war der Erzieher des unglücklichen letzten Hohestaufen Konradin, der 1268 in Neapel auf Befehl Karls von Anjou hingerichtet wurde, als er versuchte, sein Erbe in Sizilien zurückzugewinnen. Die Kemnater hatten dagegen mehr Glück und aus dem Besitz der 1212 ausgestorbenen Ronsberger eine Herrschaft beiderseits der Wertach von Buchloe bis Markt Oberdorf an sich gebracht. Doch schon der Enkel jenes Volkmar II. mußte den Besitz seinem Schwager Ramschwag, der aus einem Schweizer Rittergeschlecht stammte, abtreten. Dieser hat das schon erwähnte Rechtsgeschäft mit einem Kaufbeurer Bürger von 1336 abgeschlossen. Im Erbgang kam die Herrschaft im Ende des 14. Jahrhunderts an den Ritter Ludwig von Benzenau, dessen Familie im oberbayrischen Miesbach ansässig war. Die Benzenauer hatten wichtige Ämter im Herzogtum Bayern inne und kamen dank dieser Verbindungen auch zum Truchsessenamt des Hochstifts Kempten, so daß sie zwischen Iller und Lech eine sehr starke Stellung bezogen. Durch Erbteilungen wurde diese Macht wieder aufgesplittert und erst 1515 vereinigte Jörg II. von Benzenau  fast den gesamten Besitz seiner Familie in einer Hand. Ihm gelang es auch , der Reichsstadt Kaufbeuren, die von dieser seit dem Untergang der Staufer und damit auch des von diesen besessenen Herzogtums Schwaben behauptete hohe Gerichtsbarkeit im größten Teile der Herrschaft Kemnat an sich zu bringen. Die Verhältnisse in Biessenhofen freilich, wo das Hochstift Kempten diese Rechte besaß, blieben davon unberührt.

Biessenhofen hat alle diese Wechsel der politischen Macht und der niederen Gerichtsbarkeit mitmachen müssen. Doch gab es auf seinem Boden zugleich Besitz anderer Edelleute. Das beweist uns eine Urkunde aus dem Jahre 1433, mit der Patriach Ludwig von Aglay ( Aquileja ? ) und Herzog zu Teck seinen Neffen Bär und Albrecht von Rechberg seine Gefälle aus einem Hof zu  Biessenhofen in Verbindung mit Einnahmen benachbarter Güter ( u.a. in Altdorf und Hermatzhofen ) abtrat. Sie stammen offenbar aus dem Besitz der Familie Liebenthann, von der noch die Rede sein wird.

Jener Jörg II. von Benzenau-Kemnat brachte Ordnung in seine Herrschaft und ließ neben der heute noch erhaltenen Gerichtslinde von Altdorf ( an der Abzweigung nach Bernbeuren ) Galgen und Stock als Zeichen der hohen Gerichtsbarkeit – meist Hochgericht genannt – errichten. Schon sein Sohn Simprecht konnte den Besitz nicht mehr zusammenhalten und verkaufte zunächst das Gericht Altdorf an augsburgischen Vogt Peter von Gaisdorf in Oberdorf, erwarb es jedoch wieder zurück, als er 1551 die Burg Kemnat und einige Gemeinden an den Fürstabt von Kempten veräußern konnte. Aus den Resten seines Besitzes bildete Simprecht dann die Herrschaft Ottilienberg. Diese fiel seiner Enkelin Eva zu. Ihr Gatte Rupprecht von Stotzingen, ein niederösterreichischer Edelmann und Graf in Ungarn, war kaiserlicher Kämmerer. Auf seine Bitte belehnte ihn Kaiser Maximilian II. 1577 mit Biessenhofen, das schon seit 1334 als Reichslehen des jeweiligen Inhabers der Herrschaft Kemnat galt.

1610 aber verkaufte Bernhard von Stotzingen, wohl sein Sohn die ganze Herrschaft Ottilienberg an den Fürstbischof von Augsburg. Damit erlangte dies Hochstift endlich die schon seit mehr als einem halben Jahrtausend angestrebte Territorialherrschaft auch in diesem Gebiet der Wertach.

Noch einmal müssen wir weit in der Geschichte zurückgehen, um diesen Weg zu verstehen. Schon 1059 hatte Kaiser Heinrich IV. der Augsburger Kirche den Wildbann und die Forstnutzung in der Reichsvogtei Füssen und damit einen wichtigen Teil  königlicher Hoheitsrechte verliehen. Das war ein Ansatzpunkt für die Ausbildung der hochstiftischen Landeshoheit. Damals war Bischof Heinrich II. von Augsburg der getreue Berater der Kaiserinmutter Agnes ( von Poitou ), die für den noch unmündigen Sohn Reichsverweserin war. In seinem Namen erhielt der Augsburger auch die Grafschaft im Augst- und Keltensteingau ( ? ), die ihm jedoch bestritten wurde. Die Bischöfe in Augsburg hielten auch in der Folgezeit treu zum Reiche und vergaßen dabei die Interessen ihres Bistums nicht . Schon im Mittelalter war das Hochstift Augsburg in Biessenhofen der größte  Grundbesitzer. Als 1268 mit dem unglücklichen Konradin auch das staufische Herzogtum Schwaben unterging, versuchten die Wittelsbacher als Erben westwärts über den Lech vorzudringen, zumal ihnen Konradin u.a. auch die Reichsvogtei Füssen verpfändet hatte. In erbitterten Kämpfen schlug der damalige Bischof von Augsburg diesen Angriff zurück und einer seiner Nachfolger erreichte 1313 von Kaiser Heinrich VII., dem Luxemburger, dass dieser Hochstift Augsburg für seine Beihilfe zum Romzug die Vogtei Füssen verpfändete. Dieses Pfand, ist wie so manches andere, vom Reiche nie mehr eingelöst worden. Gestützt auf diesen Besitztitel betrieb Augsburg dann im Gebiet der Vogtei den Ausbau seiner Landeshoheit, den der Kauf der Herrschaft Ottilienberg nun 1610 endlich zum Abschluss brachte. Bei der Erbhuldigung für Fürstbischof Sigismund Franz, Erzherzog von Österreich im Jahre 1650, besaß das Hochstift Augsburg, wie das Huldigungsprotokoll ausweist, in Biessenhofen 5 Erbgüter, ein Bestandsgut und 3 Häuser zu Eigen. Der Ort gehörte damals zur Vogtei Ebenhofen und wurde mit dieser im 17. Jahrhundert für längere Zeit an den bischöflichen Kanzler Dr. Wanner und seinen Schwiegersohn Oktavian von Rehlingen verpfändet. Erst durch den Reichsdeputationshauptschluß  von 1803endete die Augsburger Landeshoheit und mit dem genannten Bistum kam auch Biessenhofen zu Bayern.

So bunt und fast verwirrend, in den früheren Zeiten auch unklar dieser Ablauf der politischen Geschichte des Ortes war, stellt er dennoch nur den äußeren Rahmen für die Schicksale seiner Bewohner dar. Für ihr Dasein waren oft ganz andere Dinge maßgebend als die Frage, in wessen Händen augenblicklich Herrschaft und Gericht sich befanden.

Die Schicksale der Wertachbrücke

Seit den Römertagen ist dieser Flussübergang benutzt worden und hat unzweifelhaft der unmittelbaren Nachbarschaft mancherlei Vorteile gebracht, wie sie bei lebhaftem Fernverkehr nicht ausbleiben. Dass wir daran denken dürfen, lehrt uns schon die Sage. Nach ihr soll ein Graf von Ebenhofen, der sonst nicht bezeugt ist, mitten im Sommer auf der Strecke Ebenhofen - Ruderatshofen, also von der Wertachbrücke westwärts im Kirnachtal auf der alten römischen Straße Salzburg – Lindau , Schlitten gefahren sein, weil sie so stark mit Salz bestreut war. Somit haben wir eine der wichtigsten Salzstraßen vor uns, auf denen dieses wichtige Bergbaugut befördert wurde. Die Wertach ist fast auf ihrem ganzen Lauf für den Verkehr ein schweres Hindernis. An der alten Brücke von Biessenhofen ist der Fluß 27 m breit, aber schon kurz unterhalb davon erreicht er zwischen der jetzigen Heubrücke und der Halbinsel mit 44m seine überhaupt größte Breite. Die alte Brücke diente überdies nicht nur dem Ost – Westverkehr und umgekehrt, sondern zugleich auch der Nord – Südverbindung und hat gerade diese Aufgabe heute im Zuge der Bundesstraße Kaufbeuren – Füssen im verstärkten Maße zu erfüllen. Nach der Sage wohnte just an dieser Stelle auch die Wertachfee. Jedenfalls ist sie hier einmal einem Kuhhirten erschienen. Den verzehrte hoffnungslose Sehnsucht nach einer schönen Jungfrau vom Ottilienberg. Die Wertachfee tröstete ihn und ließ ihn sein Herzeleid erzählen. Sanft und unmerklich zog sie ihn mit in ihr nasses Reich und brachte ihm damit die verlorene Ruhe wieder.

Gewiss hat das mit unserer Brücke nicht zu tun. Und doch bestätigt diese Sage wohl die Gefahren des Flusses und die Bedeutung des Ottilienberges für die Beherrschung seines wichtigsten Überganges. 1336 gebot Konrad Wolfsattel von Liebenthann über die Wertachbrücke. Doch war er offenbar finanziell den Anforderungen zu ihrem Unterhalt nicht gewachsen oder beutete mit dieser Begründung die Brückenbenutzer zu sehr aus. Jedenfalls nötigte ihn die Reichsstadt Kaufbeuren, die damals ja die hohe Gerichtsbarkeit des Gebietes besaß und damit alte Grafschaftsrechte wahrnahm, ihr die Unterhaltspflicht zu übertragen. Formell tat er das um sein und seiner "Vorderen Seelenheil willen angesichts des großen Gebrestens und Schadens, den das Land mit der Fahrt über die Wertachbrücke an Leuten und Gut bisher genommen habe." Er musste den Kaufbeurern auch zugestehen, das Holz dazu aus seinem Walde in der Hornerun – -     - Die "Hornerin" heißt heute noch der Wald am rechten Wertachufer  ostwärts Biessenhofen-  zu nehmen und die Benutzer zum Ersatz der Kosten heranzuziehen. Nach der Hörmann`schen Chronik im Stadtarchiv Kaufbeuren ist damals die Brücke neu erbaut, oder wie wir richtiger sagen müssen, wegen Baufälligkeit erneuert worden. In der Hornerin besaß übrigens nach der gleichen Quelle das Kaufbeurer Spital schon seit 1256 Holznutzungsrechte.

Schon 1423 mußten wieder fast 100 Pfund Heller, ein für jene Zeit recht hoher Betrag, für die Instandsetzung der Wertachbrücke aufgewendet werden. Jetzt machte die Reichsstadt Kaufbeuren von ihrem vertraglichen Recht Gebrauch und ließ alle umliegenden Dörfer bis nach Bernbeuren und Roßhaupten zu den Kosten beitragen. So berichtet jedenfalls Hörmann.

Es war übrigens für seine Zeit ein recht stattliches Bauwerk mit einem Dach, wie es viele alte Brücken – z.B. in Luzern auch heute noch – besaßen, das hier über die Wertach führte. Ein Bild aus der Zeit um 1580 im Stadtmuseum Kaufbeuren lässt dies erkennen. Als 1610 die Landeshoheit endlich ganz auf das Hochstift Augsburg überging, nahm man sich auch der Wertachbrücke an und kam mit Kaufbeuren überein, künftig die Unterhaltung zu gleichen Teilen zu tragen. Nach Hörmann`s Chronik mussten schon 1614 für die schadhafte Brücke und die zugehörigen Gebäude – wohl die Behausung des Zolleinnehmers – über 200 Gulden aufgewandt werden.

Doch nach dem 30jährigen Krieg waren die Einnahmen an Wegegeld so zurückgegangen, dass davon die Kosten der Unterhaltung nicht mehr bestritten werden konnten. Nun wollten die Augsburger Herren, wie Hörmann berichtet, nichts mehr damit zu tun haben und überließen 1666 die Instandhaltung und den Brückenzoll wieder der Reichsstadt Kaufbeuren allein. Sie hat, wohl bis 1803 Brücke und Straße bis zum Weiler Kreen unterhalten. Die Kaufbeurer wussten, warum sie das taten. Längst waren die Wertachbrücke und die Straße nach Füssen für sie von großer Bedeutung, weil über sie ein guter Teil der Handelsgüter von und nach Italien rollte.

Auf der Reichsstraße

Am Donnerstag nach Valentini des Jahres 1515 wurde "auf offener Reichsstraße" der Knecht   eines Kaufbeurer Bürgers, der eben von einem Auftrag aus Biessenhofen zurückkehrte, von augsburgischen Söldnern gefangen genommen. So lesen wir in Hörmann`s Chronik. Der Überfall ist an sich in unserem Zusammenhang belanglos.

Wichtig ist nur, dass hier erstmals von der Reichsstraße Kaufbeuren – Füssen über Biessenhofen und die Wertachbrücke die Rede ist. Wann und wie sie entstanden ist, lässt sich nicht mehr feststellen. Die Urkunde von 1336, mit der Kaufbeuren die Wertachbrücke übernahm, deutet schon auf ältere Benutzung hin. Im Mittelalter benutzte der Handel von Augsburg die Straße nach Schongau und zog von dort entweder über Ammergau und den Scharnitzpass zum Brenner oder über Steingaden – Füssen und den Fernpass dorthin. Um 1440 versuchte Kardinal Peter von Augsburg diesen wichtigen Fernhandelsweg nach Italien über Bernbeuren – Füssen durch hochstiftisches Gebiet zu leiten. Doch allmählich verlagerte sich der Durchgangsverkehr noch weiter westwärts und 1681 sah sich Kurfürst Max-Emanuel von Bayern veranlasst, in Augsburg Protest gegen dessen Ablenkung auf die Strecke Kaufbeuren – Füssen zu erheben. Doch er kam damit zu spät. Bis 1760 ging diese Straße von Biessenhofen über Bertoldshofen direkt nach Stötten. Erst als man 1760 – 65 eine Poststraße baute, wurde sie über Marktoberdorf geleitet und zog dank ihrer Befestigung den Verkehr durch diesen Ort.

In Oberdorf saßen schon seit 1313 Pröbste, dann 1472 – 1570 Vögte und schließlich seit 1570 Pfleger als Leiter der augsburgischen Verwaltung auf diesem Gebiet. Dem hatte es die Gemeinde wohl zu verdanken, daß ihr 1453 Kaiser Friedrich III. Markt- und Schrannenrechte verlieh und sie damit zum lokalen Mittelpunkt des bäuerlichen Lebens erhob.

In den Tagen des Spätmittelalters nahm die Bevölkerung zu und wie allenthalben wurde das ganze Leben der Menschen mehr und mehr von Beamten überwacht, die Steuerlasten wuchsen entsprechend und die Bauern fühlten sich immer mehr bedrückt  und beengt. In Biessenhofen wurde ein Kirchlein als Filiale der uralten Pfarre Altdorf erbaut. 1440 und 1443 ist in Urkunden davon die Rede. Zu jener Zeit war also die Einwohnerzahl schon so gewachsen, dass man eines eigenen Gotteshauses bedurfte. Aus der Gründung des alamannischen Urmaiers Busso war ein Dorf geworden, dessen Bauern an mancherlei Herren Zehnten und Abgaben zu leisten hatten.

An diese Entwicklung muss man denken, wenn plötzlich im Jahre 1525 auch im Wertachbecken sich die unzufriedenen Bauern zusammenrotten und Schlösser wie Klöster ihrer Zwingherren erstürmten. Über 800 Mann war der Haufen stark, der im Februar in Oberdorf Pfarrhof und Schloss plünderte. Im Mai und Juli strömten wieder die bewaffneten Bauern zusammen. Ihr Hauptmann war der Oberdorfer Paulli Probst, den schließlich die Bauern des ganzen Allgäus zu ihrem Feldhauptmann machten.    Auch der Thingauer Haufe zeichnete sich damals durch besondere   Widerspenstigkeit aus. Die ganze Gegend war somit in heller Aufruhr und die Biessenhofener werden davon gewiss nicht unberührt geblieben sein.

Auf der Reichsstraße wälzten sich der Haufen der aufständischen Bauern durch das Land und es rückten die "frumben" Landsknechte des Truchsessen von Waldburg zu ihrer blutigen Unterdrückung heran. Kaum ein Menschenalter später hörten die Biessenhofener schon wieder das Pummerleinpum und den Marschtritt eines Heeres, als Schertlin von Burtenbach  im sogenannten Fürstenkrieg die Truppen des Kurfürsten Moritz von Sachsen und seiner Freunde  1552 über Kaufbeuren – Füssen nach Tirol gegen Kaiser Karl V. führte und nach dem Fehlschlag seines Angriffes auf dem gleichen Weg wieder zurückkehrte.

In den friedlichen Jahren rollten die schweren Kaufmannswagen durch den Ort und brachten ihm ein Stück fremden Lebens wie manchen Verdienst. Davon ist uns freilich nichts überliefert, weil die Menschen die erfreulichen Dinge gern als selbstverständlich hinnehmen und nicht der Rede wert finden: Erst ihre Unterbrechung in Not – Kriegszeiten melden dann die Chroniken desto eifriger. Doch solche unerfreulichen Nachrichten bestätigen zugleich die Bedeutung einer Straße, weil  Feldherrn sich stets für ihre Truppenbewegungen die wichtigsten und besten Verbindungen sichern mussten und dafür keine Mühen scheuten.

Der 30jährige Krieg griff erst nach Süddeutschland über, als der Schwedenkönig Gustav Adolf auf der Höhe seiner Macht die katholischen Widersacher in ihren Stammlanden vernichten wollte. Im April 1632 erkämpfte er bei Rain unweit der Mündung den Lechübergang, nachdem der gegnerische Feldherr Tilly tödlich verwundet war. In wenigen Wochen eroberten die Schweden das ganze Alpenvorland. Schon Ende Mai plünderten sie Marktoberdorf und werden die Orte auf dem Weg dorthin nicht verschont haben. Hörmann schreibt in seiner Kaufbeurer Chronik zu diesem Jahr: " Da ein Trupp Soldaten den 18/19 Juli bei 300 Stück Vieh vor die Stadt brachten, so ließ sie der Capitain Lieutnant Braunfeld anhalten, worauf alsobald die Biessenhofener Bauern und der Junker Seuter von Cözen mit dem Lärmen und Anzeigen sich eingefunden, dass ihnen die ganze Herde, in 126 Stück bestehend und diesem auch 18 Stück Vieh weggetrieben werden, da denn der Capitain ihnen das ihrige restituirt und ausfolgen lassen, den Soldaten in die 90 Stück Vieh davon gegeben, die übrigen aber für sich behalten...". Die Biessenhofener hatten in diesem Falle wohl ungewöhnliches Glück,  aber ob sie es im Jahre  1633,  als die Schweden wiederum plündernd durch die Gegend zogen, wissen wir nicht.

1634 rückten die kaiserlichen Truppen ins Land und brachten  als fürchterlichste Geißel die Pest mit. Sie forderte manches Opfer. Doch damit waren die Leiden des Krieges keineswegs beendet. In der Jahren 1635, 1638 und 1643 – 46 sah die Reichsstraße immer wieder kaiserliche Heeresverbände auf dem Vor – oder Rückmarsch und jedesmal hausten sie wie in Feindesland. Lange Jahre waren notwendig, bis sich die verwüsteten Landstriche von diesem Schrecken erholt hatten. Den Biessenhofenern kam die starke Zunahme des Handelsverkehrs  nach 1648 dabei sicher zugute. Für ein Jahrhundert schweigen wieder unsere Quellen und wir dürfen annehmen, dass dies Gutes bedeutet.

Am Mai 1782 zog eine feierliche Prozession durch Biessenhofen. Kurfürst Clemens Wenzeslaus von Trier geleitete auf ihr als Bischof von Augsburg, der er zugleich war, den Heiligen Vater Pius VI. durch seine Diözese nach Füssen. In Kaufbeuren wurde der hohe Gast mit einem Empfang geehrt. Längs der Straße nach Marktoberdorf bildeten die Bauern aller Dörfer der Nachbarschaft mit ihren Kirchenfahnen und landwirtschaftlichem Gerät ein festliches Spalier. Der Statthalter Christi, der so vom ganzen Klerus begleitet segnend durch das Land fuhr, kam von Wien und war auf dem Heimweg nach Rom über Augsburg gereist.   Sein Besuch beim Kaiser Joseph II., ein ungewöhnliches Unternehmen, zu dem ihn die gefährlichen Kirchenreformgesetze der österreichischen Regierung veranlasst hatten, war völlig vergeblich gewesen. Vielleicht hat den milden und versöhnlichen Mann gerade nach solch bitterer Erfahrung der Anblick der schlichten Frömmigkeit seiner gläubigen Allgäuer ein wenig getröstet.

Seine Durchreise war für lange Jahre der letzte Lichtblick der ganzen Gegend. 1796 rückten zum ersten Male die Franzosen auf der Reichsstraße heran und fast zwei Jahrzehnte lang erdröhnte sie immer wieder unter dem Marschtritt der Batallione denen die schier endlosen Nachschubkolonnen folgten. Die Russen   .... 1799, 1809 Tiroler und immer wieder Franzosen brachten Jahr für Jahr neue Schrecken und Kriegslasten ins Land. Als 1813 endlich das Ende dieser schweren Notzeiten herannahte, gab es bereits seit einem Jahrzehnt einen neuen Landesherren. Das bayrische Königreich, selbst ein Gebilde jener Zeit, konnte 1815 in der Wiener Kongressakte im Artikel 44 Rang und Besitzstand, darunter auch das ehemalige Hochstift Augsburg, als dauernden Erwerb behaupten. Es stand nun vor der schwierigen Aufgabe, daraus einen Staat zu formen.

Jahrzehnte vergingen bis das so bunt zerstückelte Schwaben zusammenwuchs und zu einem festen Bestandteil des bayrischen Staatskörpers wurde. Die Anfänge waren unerfreulich und weckten viele Ressentiments. Rücksichtslos wurde das Kirchengut säkularisiert, wurden Soldaten für Napoleons Kriege ausgehoben und uralte wirtschaftliche Beziehungen aufgelöst. Segensreich erwies sich davon  auf die Dauer nur die liberale Neuordnung der landwirtschaftlichen Grundbesitzverhältnisse. Schon 1805 wurde in Biessenhofen die Vereinödung durchgeführt. Unter dieser leicht misszuverstehenden Maßnahme begriff man damals aber nur  noch die Zusammenlegung – Arrondierung – aller Grundstücke eines Eigentümers und ihre Befreiung von allen Lasten des bisherigen Gemeinderechts wie Flurzwang, Weidedienstbarkeiten usw. Der so befreite Bauer konnte also künftig auf seinem Grund und Boden rechtlich wie wirtschaftlich frei schalten und walten. Unzweifelhaft war die Bildung geschlossener Wirtschaftsflächen ein Vorteil für die bäuerlichen Betriebe.  Ob man das auch von der liberalen Lösung aus allen überkommenen Bindungen behaupten darf, ist zumindest fragwürdig.

Im Streben nach wirtschaftlicher Hebung ihres Landes tat die bayrische Verwaltung auch manches zu seiner Verkehrserschließung. Auch die alte Wertachbrücke wurde nach den Befreiungskriegen wieder neu aufgebaut, weil sie wohl in den langen Kriegsjahren ebenso wie Land und Volk stark mitgenommen worden war. Doch schon im Januar 1830 zertrümmerte ein schwerer Eisgang bei plötzlichem Einbruch von Tauwetter das neue Bauwerk und schwemmte seinen – offenbar hölzernen – Aufbau hinweg, der dann bei Kaufbeuren noch einen Teil des Wehrs mitriss. Da diese Katastrophe noch manchen anderen Schaden im Land anrichtete, vergingen Jahre bis er wieder ersetzt werden konnte.. Erst im Jahre 1844/45 verbaute der königliche Aerar für die Brücke in Biessenhofen auf der Straße Kaufbeuren – Füssen nach Ausweis der Regierungsakten im Staatsarchiv für Schwaben und Neuburg 13 000 Gulden.

Zu jener Zeit war jedoch ein viel wichtigeres Projekt der Verkehrserschließung bereits in Angriff genommen. Noch war kein Jahrzehnt seit der Eröffnung der ersten Eisenbahnverbindung auf deutschen – bayrischem - Boden mit der Linie Nürnberg – Fürth 1835 vergangen, als die dem neuen Verkehrsmittel sehr gewogene bayrische Verwaltung im Zuge der Ludwig – Süd – Nord – Bahn den Abschnitt München Kaufbeuren in Angriff nehmen ließ. 1847 wurde er bereits in Betrieb genommen. Im gleichen Jahre wurde die Fortsetzung über Kempten – Lindau beschlossen. Als 1852 der Abschnitt Kempten – Kaufbeuren eingeweiht und Biessenhofen damit zur Bahnstation wurde, war damit bereits eine durchgehende Verbindung auf dem Schienenwege über München – Nürnberg – Bamberg bis zur bayrischen Nordgrenze bei Hof und von dort bis über Berlin hinaus hergestellt. 1853/54 konnte mit dem Bau der Strecke Kempten – Lindau das große Unternehmen auf bayrischem Boden vollendet werden. Nach einem weiteren Jahrzehnt war es bereits so eng mit dem überall wachsenden europäischen Schienennetz verbunden, dass man getrost behaupten durfte, nun sei unser Biessenhofen mehr als je zuvor durch die Reichsstraße an den Weltverkehr angeschlossen. Für seine künftige Entwicklung bedeutete jedenfalls diese Linienführung und die Einrichtung der Eisenbahnstation an einer Hauptstrecke eine entscheidende Voraussetzung, wenn das auch erst nach Jahrzehnten offenbar wurde.

Zunächst hatte es dem vorbeirollenden Verkehr eine beiläufige Rolle in der Beziehung seines Königs zu einem der umstrittendsten Künstler jener Zeit zu verdanken. 1865 war in München Richard Wagners Tristan aufgeführt worden und  seine Beziehungen zu Cosima, damals die Gattin Hans von Bülows, hätten die Gemüter noch mehr bis zum Skandal erregt. Der von Ludwig II. so verehrte und geförderte Meister war verfemt und musste wieder einmal in seinem Leben fliehen. In seinem Abschiedsbrief an den König vom 9. Dezember 1865, der erst vor wenigen Jahren nach dem im Archiv des Hauses Wahnfried in Bayreuth erhaltenen Konzept veröffentlicht wurde, heißt es: "...Wenn Sie diese Zeilen erhalten, bin ich an Biessenhofen, wo Sie mir zum letzten Mal die Hand drückten, schon vorbeigefahren, und weile nicht mehr in Bayern...." Richard Wagner eilte über Lindau zum Vierwaldstätter See, wo ihm der großzügige Monarch in Triebschen eine Zuflucht geschaffen hatte. Nach diesem Zeugnis sind König und Komponist einander just in Biessenhofen zum letzten Male begegnet.

Von viel weittragender Bedeutung als diese Episode waren die erstmals schon 1863 angestellten Erwägungen, die Station Biessenhofen zu einem Bahnknotenpunkt auszubauen. Damals wurde der Plan einer Nebenlinie über Schongau nach Peißenberg erörtert: Man ließ ihn jedoch fallen und er ist nie ausgeführt worden. Es war noch kein Jahrzehnt vergangen, als ein anderes Projekt spruchreif wurde. Markt Oberdorf suchte Anschluss an den Schienenstrang. 1872 wurden die Verhandlungen eingeleitet: Die Oberdorfer brachten bis 1874 ein Kapital von   65 000 Gulden für den Bau auf. Am 1. Juli 1875 wurde er begonnen und bereits nach 11 Monaten fuhr zum ersten Male die Vizinalbahn bis Markt Oberdorf.

In Biessenhofen standen damals 26 Wohngebäude, in denen 145 Einwohner lebten. An öffentlichen Gebäuden gab es außer dem alten Kirchlein nur die Expeditionen der Post und Eisenbahn.

Die staatliche Nebenbahn nach Markt Oberdorf hatte 495 000 Gulden oder 848 700 Mark Baukosten verschlungen. Damit war das Interesse der Eisenbahnverwaltung an der Errichtung weiterer Nebenlinien erloschen. Doch nach geraumer Zeit fanden sich andere Kräfte, die bereit waren, Biessenhofens günstige Lage im Verkehrsnetz auszunutzen. 1888 begann die Lokalbahn AG in München mit der Verlängerung der Strecke Biessenhofen-Markt Oberdorf bis nach Füssen. Sie wurde schon am 1. Juni 1889 in Betrieb genommen. Nach weiteren zehn Jahren   war auch die Linie Markt Oberdorf  -  Lechbruck fertiggestellt und konnte am 1. Juli 1899 eröffnet werden. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts berührten also neben der großen Durchgangslinie zwei hier von dieser abzweigende Lokalbahnen die Station Biessenhofen. Das Verkehrsvolumen wuchs von Jahr zu Jahr und fast zwangsläufig musste damit auch die Bedeutung des Ortes wachsen.

Folgen der Verkehrserschließung

Seit Menschengedenken gab es weit und breit im Allgäu nur Bauern. Der Ertrag ihrer Arbeit war bei dem rauhen Klima des Voralpenlandes mit seiner kurzen Vegetationsperiode auch in guten Jahren recht  bescheiden. Seit eh und je hatte die Bevölkerung darum in den langen Wintermonaten, wie allenthalben im Schwabenland, am Spinnrad und Webstuhl ein zusätzliches Stück Brot verdienen müssen. Die alten Reichsstädte wie Kaufbeuren hatten Jahrhunderte lang vornehmlich von  dem Handel  mit dem Leinen und Barchent der bäuerlichen Hausweber gelebt. Noch heute kann man an einem alten Hause in Kaufbeuren unter dem weit vorkragenden Dache die Gestelle zum Trocknen der langen Stoffbahnen sehen, wie sie die Bleicher und Färber beim Vorbereiten des Handelsguts brauchten. Mit der Erfindung der Spinnmaschine und des mechanischen Webstuhls waren die Tage des uralten bäuerlichen Nebenerwerbes gezählt. Schon in der ersten Hälfte des  19. Jahrhunderts kam er immer mehr zum Erliegen und trieb viele brotlos gewordene Kleinbauern in die städtischen Fabriken oder zur Auswanderung nach Übersee. Viel Not und Elend brachte der technische Fortschritt - allen Lobpreisungen seiner Befürworter zum Trotz – der Bevölkerung auf dem Lande.

Schon 1815 hatte ein unvoreingenommener Beobachter im Intelligenzblatt des Illerkreises geschrieben, dass die Bevölkerung im Allgäu arm und die Bodenkultur verhältnismäßig rückständig sei. Seitdem hatte man durch Ausbauten, Rodungen in den Waldgebieten und Kultivierung von Moosgrund die Nahrungsfläche erheblich vergrößert. Dennoch reichten die Getreideernten bestenfalls für den Eigenbedarf der wachsenden Bevölkerung aus, in manchen Orten blieb er stets dahinter zurück. Überall aber gab es großen Wildbestand und die geforderte Rücksicht auf die herrschaftliche Jagd verhinderte die Kultur vieler Waldwiesen. Die Viehzucht, die vornehmlich auf den echten Einöden betrieben wurde, brachte durch den Verkauf von Schlachttieren einige Einnahmen. Als jedoch der Kaufbeurer Leinenhandel und der Garnmarkt in Markt Oberdorf immer mehr zurückgingen, zog die Verzweiflung in manches Gemüt. Nirgends schien mehr ein  Ausweg aus der Not.

Doch die Schwaben waren von jeher pfiffige Leute und je mehr der Weltverkehr in ihre Heimat eindrang, desto mehr hielten die klügsten Köpfe unter den Bauern die Augen auf und taten sich draußen in der Fremde um. Die Schweizer Nachbarn hatten längst ihre Arbeit auf die Viehhaltung umgestellt und in der Milchwirtschaft eine neue Einnahmequelle gefunden. Die Voraussetzungen klimatischer Art und in Bezug auf die damit zusammenhängenden Grasflora waren den Verhältnissen im Allgäu sehr ähnlich. Es kam also nur auf den Versuch an. Etwa seit 1866 – 1870 gingen die Bauern allmählich zur Milchwirtschaft über. Doch es vergingen viele Jahre bis sich die Einsichten in deren Vorteile wie Besonderheiten durchzusetzen begannen. 1886 wurde der erste milchwirtschaftliche Verein in Schwaben, ein Jahr darauf auch im Allgäu gegründet: Seitdem konnte man von einer systematischen Förderung der Rinderzucht und von einer wirklichen Entwicklung der Milchwirtschaft im Lande sprechen. Im Ausgang des 19. Jahrhunderts zähle man im damaligen Bezirk  (= Landkreis) Markt Oberdorf bereits 28 890 Rinder, darunter 22 252 Kühe. Der Allgäuer Schlag war bereits vorherrschend in diesen Beständen. Mit jeder neu aufgestellten Milchkuh wuchs aber auch das Absatzproblem und damit traten die Vorzüge einer günstigen Verkehrslage,   deren sich Biessenhofen erfreuen durfte, immer mehr hervor.

Unzweifelhaft hat sich bei dieser Umstellung der landwirtschaftlichen Produktion binnen zwei Generationen ein hervorstechender Zug der Allgäuer glänzend bestätigt: Ihre nüchterne, klare Einsicht in die Gegebenheiten des Daseins und eng verbunden damit eine geschickte, klug den winkenden Profit ergreifende Anpassungsfähigkeit. Sobald sie einmal das Ziel erkannt hatten, wurde es mit geradezu verbissener Zähigkeit verfolgt und die hartschädligen, durchaus nicht welt- und geschäftsfremden Bauern haben es geschafft.  Aus einem Notstandsgebiet wurde durch Selbsthilfe und Ausnutzung der Verkehrsmöglichkeiten ein blühendes Land.

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